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„Niemals wieder“ darf keine Floskel werden

Der Schriftsteller Karl Markus Gauß war am 8. Mai 2026 der Hauptredner bei der Gedenkfeier am Mahnstein. Foto: Silvia Jujic.
Der Schriftsteller Karl Markus Gauß war am 8. Mai 2026 der Hauptredner bei der Gedenkfeier am Mahnstein. Foto: Silvia Jujic.

Karl-Markus Gauß sprach beim Mahnstein-Gedenken am 8. Mai in Braunau über Erinnerungskultur, digitale Simulation und demokratische Verantwortung. Mit Redetext zum Download.

Mit der Rede des Schriftstellers Karl-Markus Gauß am Mahnstein setzte Braunau am 8. Mai 2026 ein sichtbares Zeichen der Erinnerung, der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und des demokratischen Zusammenhalts. Auch die anschließende Filmvorführung im Dieselkino Braunau stieß auf großes Interesse und fand vor einem nahezu ausverkauften Saal statt.

Gedenken am Mahnstein


Der Opfer von Krieg und Nationalsozialismus gedachten die Stadt Braunau am Inn, der Verein für Zeitgeschichte (VfZG) und das Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ) am 8. Mai 2026 beim Mahnstein in der Salzburger Vorstadt vor der neuen Polizeizentrale, deren Eröffnung für den 22. Juli 2026 vorgesehen ist. Erfreulich viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen an der Gedenkveranstaltung teil.

Diese Gedenkstunde findet jedes Jahr in Erinnerung an die Kapitulation Hitler-Deutschlands am 8. Mai 1945 und die Befreiung vom Nationalsozialismus statt.

Als Gastredner konnte der vielfach ausgezeichnete Autor Karl-Markus Gauß begrüßt werden. Die musikalische Gestaltung übernahm der Demokratische Chor Braunau. Als Zeichen des Gedenkens und der Solidarität wurde eine Schweigeminute für alle Opfer von Krieg und Nationalsozialismus abgehalten.

Respekt und Anerkennung von Vielfalt


Bürgermeister Johannes Waidbacher betonte in seinen Begrüßungsworten, dass in den vergangenen Jahrzehnten viele Meilensteine für ein demokratisches und friedliches Europa gesetzt worden seien, etwa durch das Friedensprojekt Europäische Union. Gerade in der heutigen konfliktreichen geopolitischen Situation seien jedoch die Bereitschaft zum Dialog, gegenseitiger Respekt und die Anerkennung von Vielfalt als bereichernde und stärkende Kraft wesentliche Fundamente des Zusammenlebens.

Dabei hob er die Rolle Braunaus als zufälligen Geburtsort Adolf Hitlers hervor und verwies darauf, dass die Stadt mit diesem Teil ihrer Vergangenheit offen umgehe und sich zu einer nachhaltigen Gedenkkultur bekenne. Auch die beschlossene Umbenennung von Straßen sei ein Beitrag dazu. Sein Appell für ein friedliches Miteinander möge gehört werden.

Geschichte als Selfie-Hotspot


Karl-Markus Gauß ging in seiner Ansprache auf die Ambivalenz im Umgang mit historischen Orten ein: auf das Dokumentationszentrum am Obersalzberg neben einem Luxushotel oder auf die „Sniper Alley“ in Sarajevo, die heute auch als Selfie-Hotspot wahrgenommen werde, obwohl dort tausende Menschen getötet wurden.

Er sprach zudem über die künftige Rolle des Gebäudes hinter dem Mahnstein und sagte: „Eine in Menschenrechten geschulte und die Freiheitsrechte verteidigende Polizei ist für die Demokratie tatsächlich eine starke Stütze, und ich gehöre nicht zu denen, die sich in einem gewohnheitsmäßigen Vorbehalt gegen die Exekutive gütlich tun.“ Zugleich verwies er auf die umstrittene polizeiliche Amtshandlung am Peršmanhof Kärnten, die später gerichtlich überprüft und teilweise als rechtswidrig beurteilt wurde.

Digitaler Brutalismus


Eine größere Gefahr als von Ewiggestrigen und Neofaschisten gehe seiner Ansicht nach mittlerweile von einem technologisch hochgerüsteten digitalen Brutalismus aus, der zunehmend den Alltag der gesamten Gesellschaft präge. Aufklärung sei immer ein Prozess gewesen und werde es bleiben: ein Prozess des Abwägens von Argumenten, des Erkennens von Zusammenhängen und des schrittweisen Verstehens.

Künstliche Intelligenz, wie sie mittlerweile auch in der „Holocaust Education“ eingesetzt werde, strebe hingegen nicht nach Aufklärung, sondern allenfalls nach emotionaler Überwältigung. Sie ersetze die Auseinandersetzung mit der Realität durch deren virtuelle Simulation.

Auch der Ersatz realer Zeitzeuginnen und Zeitzeugen durch digital generierte Avatare wurde von Gauß kritisch angesprochen. Die Präsentation von Menschen, die nicht mehr leben, als gleichsam ewige Zeitzeugen sei vielerorts bereits zum musealen und volksbildnerischen Standard geworden. Auf konkrete Orte und auf Menschen, die dort persönlich anwesend sind, könne jedoch nicht verzichtet werden, wenn man sich nicht mit einem bloß rhetorischen „Niemals wieder!“ zufriedengeben wolle.

Filmvorführung und Diskussion


Im Anschluss wurde im Dieselkino Braunau der Film „Schlendern ist mein Metier“ des Regisseurs Johannes Holzhausen präsentiert. Die 2025 uraufgeführte Dokumentation zeichnet ein vielschichtiges Porträt von Karl-Markus Gauß, eines Autors, für den Erzählen immer auch Erinnern bedeutet.

Sein Interesse an wenig bekannten Volksgruppen und entlegenen europäischen Regionen, das er in zahlreichen Büchern dokumentiert hat, ist stets auch ein Ankämpfen gegen das Vergessen. Ein intensiver Meinungsaustausch mit dem Autor nach dem Film rundete die gelungene Veranstaltung ab.

Der Verein für Zeitgeschichte Braunau bedankt sich auch im Namen der Mit-Veranstalter bei allen Besucher:innen für die rege Teilnahme und die spannenden Diskussionen.

Download:

Der Redetext von Karl Markus Gauß



Bilder von der Veranstaltung am 8. Mai 2026:


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